BIRDS Langenargen: Offener Brief an Thekla Walker | 20.10.2026
Bürgerinitiative "Revitalisierung des Schussendeltas" (BIRDS),
Langenargen
Dr. Gerhard Moll Moritz Gauss Dr. Daniel Müller
E-Mail: info@revitalisierung-schussendelta.de
Website: www.schussen.info
Offener Brief
Ministerium für Umwelt, Klima
und Energiewirtschaft Baden-Württemberg
Frau Ministerin Thekla Walker, MdL
Postfach 10 34 39
70029 Stuttgart
Per E-Mail: poststelle@um.bwl.de
Langenargen, 15.10.2026
Sehr geehrte Frau Ministerin Walker,
der Schutz unserer Gewässer und der Erhalt ökologisch wertvoller Lebensräume
gehören zu den wichtigsten Aufgaben einer verantwortungsvollen Umweltpolitik. Wir
wissen, dass Ihr Ministerium und die zuständigen Fachbehörden hierbei erhebliche
Anstrengungen unternehmen. Die erfolgreiche Verbesserung der Wasserqualität des
Bodensees in den vergangenen Jahrzehnten verdient ausdrücklich Anerkennung.
Gerade deshalb wenden wir uns heute mit einem Anliegen an Sie, das uns seit
vielen Jahren beschäftigt und bei dem wir trotz wiederholter Hinweise und konkreter
Lösungsvorschläge keinen ausreichenden politischen Handlungswillen erkennen
können.
Es geht um die seit Jahrzehnten bestehenden Umweltbelastungen im Bereich der
Schussenmündung bei Langenargen und Eriskirch.
Ihr Besuch in Langenargen Mitte August hätte eine gute Gelegenheit geboten, sich
persönlich ein Bild von dieser Situation zu machen. Nach unseren Informationen
besuchten Sie das Institut für Seenforschung und den Naturbadestrand Malerecke im
östlichen Teil der Gemeinde.
Dort konnte Ihnen ein weitgehend intaktes und landschaftlich reizvolles
Bodenseeufer präsentiert werden. Der entscheidende Problembereich liegt jedoch
weiter westlich, an der Schussenmündung. Diesen Teil Langenargens haben Sie bei
Ihrem Besuch leider nicht kennengelernt.
Wir bedauern dies besonders, weil sich dort seit Jahrzehnten eine Situation zeigt, die
mit dem Bild eines durchweg intakten Bodenseeufers nur schwer vereinbar ist:
verrottende Algen und abgestorbene Wasserpflanzen, übermäßiges Wachstum von
Wasserpflanzen und teilweise wochenlang anhaltende erhebliche
Geruchsbelästigungen.
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Dass es sich dabei nicht lediglich um subjektive Wahrnehmungen handelt,
dokumentiert auch das Regierungspräsidium Tübingen. Für das Jahr 2022
beschreibt es ein „extremes Algenwachstum“ vor Langenargen und bestätigt, dass
absterbende Algen und verwesendes Pflanzenmaterial zur Bildung von
Schwefelwasserstoff-Verbindungen führten, deren typischer Geruch nach faulen
Eiern Anwohner und Besucher über Wochen teilweise erheblich belastete.[1]
Hinzu kommen seit vielen Jahren Einschränkungen des Badebetriebs. Im Jahr 2024
musste beispielsweise in Eriskirch aufgrund des Hochwassers und abgeschlagener
Regenüberlaufbecken das Baden und Schwimmen im Bodensee wegen
Gesundheitsgefahr untersagt werden.[2] Auch der offizielle Jahresbericht der
Gemeinde Langenargen dokumentiert für 2024 eine hohe Zahl von Tagen mit roter
Flagge und damit Badeverbot. [3]
Die Schussenmündung ist kein beliebiger Uferabschnitt. Das Regierungspräsidium
Tübingen bezeichnet das Schussendelta als – neben der Mündung der
Bregenzerach – bedeutendstes naturnahes Mündungsgebiet in den Bodensee. Die
Sandbänke und Flachwasserbereiche sind bedeutender Lebensraum für zahlreiche
Tier- und Pflanzenarten. Die Schussenmündung und das Eriskircher Ried stellen
nach Darstellung des Regierungspräsidiums sogar das bedeutendste Gebiet für
Vögel am nördlichen Obersee dar.[4]
Diese Problemsituation an diesem Ort besteht nicht erst seit gestern. Sie besteht seit
Jahrzehnten und wurde in der Hoffnung toleriert, dass es eines Tages gut sein
würde. Davon kann aber keine Rede sein.
Seit Jahrzehnten werden die Nährstoff- und Schadstoffeinträge aus dem
Einzugsgebiet der Schussen in die Flachwasserzone des Schussendeltas
eingetragen. Dieses ökologisch besonders wertvolle Gebiet wird damit faktisch als
„Nachklärbecken des Hinterlands“ benutzt. Das Besondere daran ist, dass dies sogar
gewollt ist. Im Bodenseeuferplan von 1984 wird der Schutz der Flachwasserzone im
Schussendelta wie folgt begründet:
„Die langjährigen Untersuchungen der Landesanstalt für Umweltschutz –
Institut für Seenforschung und Fischereiwesen Langenargen – haben gezeigt,
dass in der Flachwasserzone mineralische und organische »Restlasten« aus
den Zuflüssen zum Bodensee und aus den Kläranlagen abgebaut werden. Die
Flachwasserzone wird deshalb auch als »atmende Seefläche« bezeichnet.
Dieser historische Plan ist heute als überholt anzusehen, weil er ökologisch
verheerend und nicht mehr zeitgemäß ist!
Die wiederkehrenden Algenblüten, das übermäßige Wachstum von Laichkraut und
die damit verbundenen Geruchsprobleme durch Fäulnis sind nicht einfach ein
ästhetisches Problem. Sie sind sichtbare Folgen einer übermäßigen
Nährstoffbelastung des Gewässers, die ernst genommen und deren Folgen bekämpft
werden müssen. Faulgas (Sumpfgas) enthält 50 - 75% klimaschädliches Methan.
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Die Landwirtschaft trägt keine Schuld an den Algenproblemen
Der BIRDS liegen eindeutige Erkenntnisse vor, die nach unserer Auffassung
belegen, dass die erhöhten Phosphatbelastungen (PO4) der Schussen und die
daraus resultierenden Algenblüten nicht maßgeblich durch die Landwirtschaft oder
diffuse Einträge infolge von Diffusion, Erosion oder Abschwemmung verursacht
werden. Entscheidend dabei sind vielmehr Punktquellen. In Frage kommen hierbei
vor allem die genehmigten Einleitungen von Klarwasser durch die 18 Kläranlagen im
Einzugsbereich der Schussen.
Das Problem ist dabei jedoch grundsätzlicher Natur: Die Kläranlagen arbeiten bei der
Phosphateliminierung bereits an der Grenze ihrer technischen Möglichkeiten. Mit
einer weiteren Optimierung der bestehenden Anlagen ist deshalb keine ausreichende
Lösung des Problems zu erwarten. Das bedeutet: Obwohl sie nach dem heutigen
Stand der Technik arbeiten, reicht dieser für diesen sensiblen Mündungsbereich
schlicht nicht aus.
Vor diesem Hintergrund ist für uns eine Aussage der Umweltabteilung des
Regierungspräsidiums Tübingen aus dem Februar 2025 bemerkenswert. [4]
Dort heißt es wörtlich:
„Es gibt kein Umweltproblem an der Schussenmündung.“
Wir halten diese Aussage angesichts der tatsächlichen Situation vor Ort für nicht
nachvollziehbar.
Denn
- wie kann von keinem Umweltproblem gesprochen werden, wenn seit
Jahrzehnten ein Badeverbot besteht?
- Wie kann von keinem Umweltproblem gesprochen werden, wenn es
regelmäßig wochenlang stinkende Algenteppiche in der Flachwasserzone
gibt?
- Wie kann von keinem Umweltproblem gesprochen werden, wenn nach
Starkregenereignissen Schadstoffe und Fäkalkeime aus Kläranlagen in die
Schussen gelangen und dadurch auch Badegewässer in den Strandbädern
Eriskirch und Langenargen derart belasten, dass Badeverbote aufgrund
Gesundheitsgefahr bestehen?
- Wie kann von keinem Umweltproblem gesprochen werden, wenn in den
beiden Strandbädern mitten in der Tourismussaison teilweise wochenlange
Badeverbote ausgesprochen werden?
- Und wie kann von keinem Umweltproblem gesprochen werden, wenn davon
auch die Flachwasserzone des sensiblen FFH- und Naturschutzgebiets
„Eriskircher Ried“ betroffen ist?
- Wie kann von keinem Umweltproblem gesprochen werden, wenn bedingt
durch verfaulende Algen und die im Übermaß gewachsenen Laichkräuter das
Klimagas Methan über die ganze Flachwasserzone hinweg das ganze Jahr
über in die Atmosphäre abgelassen wird?
Wer behauptet, es gebe kein Umweltproblem, muss deshalb auch erklären, wie diese
Belastungen dauerhaft beseitigt werden sollen. Die Verantwortung darf nicht bei den
Anliegergemeinden abgeladen werden.
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Es ist deshalb höchste Zeit, dass das Umweltministerium die Situation an der
Schussenmündung als Umweltproblem anerkennt und die Verantwortung dafür
übernimmt.
Langenargen und Eriskirch haben die Belastungen nicht verursacht. Trotzdem
müssen diese Gemeinden seit Jahrzehnten mit den Folgen leben – mit
Badeverboten, Geruchsbelästigungen, Beeinträchtigungen des Tourismus und den
ökologischen Folgen für ein besonders wertvolles Naturschutzgebiet.
Die Anliegergemeinden haben die Nase voll. Sie wehren sich zu Recht dagegen,
dass die Folgen der Belastungen aus dem gesamten Einzugsgebiet der Schussen
letztlich auf ihrem Rücken ausgetragen werden.
Es gibt Alternativen – sie müssen nur ernsthaft geprüft werden!
BIRDS hat bereits vor längerer Zeit einen konkreten Lösungsvorschlag vorgelegt:
ökologische Leitdämme im Schussendelta. Dieser Ansatz verdient eine ernsthafte
Prüfung. Die vorgeschlagenen Leitdämme könnten nicht nur dazu beitragen, die
bestehenden Belastungen dauerhaft zu beenden. Sie könnten gleichzeitig einen
zusätzlichen ökologischen Mehrwert für das Schussendelta schaffen. Damit würde
nicht lediglich versucht, die Symptome des Problems zu verwalten. Vielmehr könnte
ein Ansatz verfolgt werden, der Gewässerschutz und ökologische Aufwertung
miteinander verbindet.
Wenn eine ökologische Lösung möglich ist, die die Ursache der Belastungen
wirksam bekämpft (Ausleitung) und gleichzeitig einen ökologischen Mehrwert
schaffen kann, muss sie auf den Tisch. Stattdessen werden Millionenbeträge in
Regenüberlaufbecken investiert, die sich im Übrigen bei der von der BIRDS
vorgeschlagenen Alternative mittels Leitdämmen erübrigen würden: Sowohl
nährstoffbelastetes als auch temporär ungeklärtes Wasser würde - wie übrigens bei
allen Kläranlagen, die mit Rohren unter Wasser einleiten - der Selbstreinigungskraft
des Sees überlassen. Geld für ökologische Maßnahmen im Schussendelta wäre
dann da.
Frau Ministerin, schauen Sie sich das Problem selbst an.
Wir fordern Sie deshalb auf, nicht nur die schönen Seiten des Bodensees zu
besichtigen, sondern auch dorthin zu gehen, wo die Probleme tatsächlich sichtbar
und riechbar sind. Besuchen Sie die Schussenmündung!
Sehen Sie sich die Flachwasserzone des Schussendeltas selbst an. Sprechen Sie
mit den Menschen, die seit Jahrzehnten mit den Folgen leben müssen. Und setzen
Sie sich mit dem von BIRDS vorgeschlagenen Konzept der ökologischen Leitdämme
auseinander. Danach können Sie selbst entscheiden, ob die Aussage „Es gibt kein
Umweltproblem an der Schussenmündung“ der Realität vor Ort tatsächlich gerecht
wird. Wir sind davon überzeugt, dass die Fakten eine andere Sprache sprechen.
Das Schussendelta darf nicht länger als Nachklärbecken für die Belastungen des
gesamten Hinterlands dienen. Es ist Teil des Bodensees, ein ökologisch wertvoller
Lebensraum und Bestandteil eines FFH- und Naturschutzgebiets. Sein Schutz kann
nicht länger gegenüber anderen Interessen zurückstehen.
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Wir erwarten deshalb vom Umweltministerium keine Beschwichtigung, sondern eine
offene Bestandsaufnahme, eine Übernahme der Verantwortung und eine ernsthafte
Prüfung konkreter Lösungen.
Die BIRDS steht für ein Gespräch und einen gemeinsamen Ortstermin gerne zur
Verfügung.
Mit freundlichen Grüßen
Dr. Gerhard Moll Moritz Gauss Dr. Daniel Müller
Bürgerinitiative Revitalisierung des Schussendeltas (BIRDS)
Quellen und Nachweise
[1] Regierungspräsidium Tübingen: „Algen in Langenargen“ – Inf ormationsangebot des Regierungspräsidiums Tübingen.
Das RP dokumentiert das extreme Algenwachstum 2022, die Geruchsbelastung durch verwesendes Pf lanzenmaterial, das
kontinuierliche Nährstof f angebot der Schussen, die 18 Kläranlagen sowie die Ergebnisse der Nährstof f modellierung METRIS
BW. Abruf bar über das Themenportal des Regierungspräsidiums Tübingen: „Algen in Langenargen“.
[2] Gemeinde Eriskirch: „Hochwasser: Badeverbot f ür den Bodensee“, veröf f entlicht am 4. Juni 2024.
Die Gemeinde teilt mit, dass Regenüberlauf becken des Abwasserzweckverbands Unteres Schussental sowie weitere oberhalb
an der Schussen gelegene Überlauf becken abgeschlagen hatten. Baden und Schwimmen wurde darauf hi n aus
Sicherheitsgründen untersagt.
[3] Gemeinde Langenargen: Jahresbericht 2024.
Der Jahresbericht dokumentiert eine hohe Zahl von Tagen mit roter Flagge beziehungsweise Badeverbot und stellt dabei einen
Zusammenhang unter anderem mit der Überspülung des Regenrückhaltebeckens des Klärwerks Eriskirch her.
[4] Regierungspräsidium Tübingen, Abteilung 5 – Umwelt: „Algen in Langenargen – Aktuelle Inf ormation im Zusammenhang mit
der Kiesanlandung im Bereich der Argenmündung“, Stand Februar 2025.
Das Dokument enthält ausdrücklich die Aussage „Es gibt kein Umweltproblem an der Schussenmündung“. Zugleich bestätigt
das RP darin den kontinuierlichen Nährstof f eintrag der Schussen und erläutert, dass es bei Starkregen zur Überlastung
kommunaler Abwasser- und Kläranlagen, zum Überlauf ungereinigten Abwassers und zu vorübergehenden mikrobiologischen
Verunreinigungen an Badestellen kommen kann.
Stand der Quellenprüf ung: September 2026
V.i.S.d.P:
Dr. Gerhard Moll
Mühlengärten 37
88085 Langenargen
Mobil: 01777849106
dr.gerhard.moll@revitalisierung-schussendelta.de
Betreff: Pressemitteilung der BIRDS zum Offenen Brief an Thekla Walker, Ministerin für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft in Baden-Württemberg
Sehr geehrte Damen und Herren,
anbei finden Sie ergänzend zu unserem offenen Brief, den Sie schon erhalten haben, noch eine kurze Pressemitteilung.
Bei Fragen melden Sie sich gerne.
Viele Grüße
i.V. Gerhard Moll